Demographie-Blog

„5 Fragen zum Fachkräftemangel“ – heute mit Daniela Leitner aus Wien

Fachkraeftemangel Oesterreich

 

Die Diskussion um den Fachkräftemangel beherrscht die Medien. Die Interviewreihe
„5 Fragen zum Fachkräftemangel“ greift die Diskussion auf. Praktiker aus Unternehmen nehmen dazu kurz und knackig Stellung.

 

 

 

Die Fragen im heutigen Interview hat Daniela Leitner beantwortet. Sie ist Leiterin Personal der Gebauer & Griller Kabelwerke GesmbH aus Wien.

1. Wird über den demographischen Wandel gesprochen fällt rasch das Schlagwort vom Fachkräftemangel. Spüren Sie in Ihrem Unternehmen schon etwas davon?
Ja, wir spüren FK-Mangel, derzeit aber noch nicht unmittelbar abgeleitet aus der Demographie. Als Familienbetrieb beschäftigen wir viele langjährige Mitarbeiter und sind meist in der Lage für strategisch besonders wichtige Positionen längerfristig Nachfolger zu entwickeln.

Dennoch ist auf Grund unseres Wachstums unser Bedarf an Technikern aber größer als das regionale Angebot. Insbesondere für spezifische Qualifikationen wie z.B. Kunststofftechniker ist die Suche oft sehr schwierig.

Ein Vor- und Nachteil zugleich ist unser Standort im Norden von Österreich: als eines der wenigen Produktionsunternehmen in der Region sind wir einerseits ein attraktiver Arbeitgeber vor Ort und können häufig qualifizierte „Heimkehrer“ aus Deutschland oder Zentrallagen Österreichs gewinnen.

Jedoch besonders der Rekrutierung von Mitarbeitern, die eine Erfahrungshintergrund im automotiven Sektor mitbringen sollen, erschwert uns unser Standort den Zugang zu einem größeren Bewerberpool – die Automobilcluster Österreichs sind weit entfernt.

2. Wie kann man sich als attraktiver Arbeitgeber für neue Kräfte positionieren?
Zwei große Vorteile können wir unseren Mitarbeitern bieten:  Einerseits kann GG im Gegensatz zu vielen Konzernunternehmen als mittelständisches Unternehmen seinen Mitarbeitern die Vorteile eines Familienbetriebs im besten Sinn bieten. Wir setzen auf Langfristigkeit und Nachhaltigkeit sowohl in der Zusammenarbeit mit Kunden als auch mit unseren Mitarbeitern.  Der Einzelne wird auf Grund des kleineren Rahmens gesehen und gefördert, wir bieten aktiv die Möglichkeit zu internen Jobwechsel. Hire&Fire, Standortschließungen, überbordende Administration – viele Nachteile, die die Beschäftigung in Konzernunternehmen manchmal mit sich bringt, erleben die Mitarbeiter von GG bisher nicht.

Fast wichtiger noch:  wir erfreuen uns auf Grund unser hohen technischen Kompetenz einer hervorragenden Nachfrage bei unseren Kunden. Attraktive Kunden, wie die Hersteller der deutschen Premium-Automarken sind auch ein Asset auf dem Bewerbermarkt. Die Zusammenarbeit mit unseren Kunden fordert und fördert unablässig die Kreativität und Entwicklungsfähigkeit unserer Mitarbeiter. Für einen guten Techniker gibt es im Haus viele Möglichkeiten sich zu verwirklichen und mit Sicherheit kommt uns – oder unseren Mitarbeitern – auch hier unsere relative „Kleinheit“ zu Gute: Handlungsspielraum ist gegeben.

3. Welche Wege gehen Sie bei der Rekrutierung von Fachkräften?
Natürlich nutzen wir die konventionellen Suchkanäle via Internetschaltungen und gelegentlich nehmen wir die Dienstleistung eines Headhunters in Anspruch. Besonderes Augenmerk legen wir aber auch auf den engen Kontakt mit Ausbildungsstätten.

Hier setzen wir v.a. zwei Schwerpunkte: einerseits konzentrieren wir uns auf Ausbildungsstätten in denen für uns interessante Fachrichtungen gelehrt werden. Beim Besuch von Jobmessen konzentrieren wir uns auf kleinere Events für unsere spezifische Zielgruppe, an denen wir aktiv Kontakte zu Lehrpersonal und Studenten herstellen. Andererseits nutzen wir unsere Nähe zu den östlichen Nachbarländern und nehmen regelmäßig auch an Jobmessen in Ungarn, Tschechien und der Slowakei teil.

4. Welche Personalstrategie verfolgen Sie im Hinblick auf die Fachkräftesicherung?
Erwähnt habe ich bereits den aktiven Kontaktaufbau zu relevanten Ausbildungsstätten. Hier ist es natürlich nicht ausreichend, wenn die HR-Abteilung Jobmessen besucht. Viel wichtiger noch ist die Bereitschaft der Kollegen aus der Technik und Entwicklung den Kontakt auf einer Fachebene zu pflegen. Durch die Vergabe von Projekt-, Diplom- und Masterarbeiten lernen wir nicht nur interessierte Studenten und Schüler kennen sondern – was fast wichtiger ist: Sie lernen uns kennen.

Zentral neben der Rekrutierung ist in der Folge die Bindung der qualifizierten Personen an das Unternehmen. Neben adäquater Entlohnung und spannenden Aufgabenstellungen sehe ich die menschliche Seite als sehr zentral für die Mitarbeiterbindung. Einerseits investieren wir in die Entwicklung unserer Führungskräfte, die als Multiplikatoren ganz maßgeblich die Entfaltungsmöglichkeiten und Arbeitsbedingungen unserer Schlüsselkräfte gestalten. Genauso wichtig ist es, den Mitarbeiter durch seine Lebensphasen zu begleiten. Unsere jungen Väter – überwiegend beschäftigen wir auf Grund des Arbeitskräfteangebots nach wie vor Männer im technischen Bereich –  haben in der Phase der Familiengründung die Möglichkeit Homeoffice-Tage, Karenzen dgl. zu vereinbaren. Gibt es in späteren Jahren gesundheitliche Probleme wird nach individuellen Lösungen gesucht.

5. Wäre die Steigerung der Arbeitszeit Teilzeitbeschäftigter für Sie eine Lösungsoption um den Fachkräftebedarf zu sichern?
Wo Teilzeit eine Lösung ist – z.B. in der Familienphase oder beim Älterwerden – bieten wir diese gerne an. Unseren Fachkräftemangel können wir dadurch nur indirekt mindern, denn Teilzeitmitarbeiter sind für das Unternehmen auch nur stundenweise verfügbar. Die Lösung für Fachkräftemangel – in unserem Fall: Technikermangel – liegt meiner Meinung nach außerhalb der betrieblichen Ebene. Betriebe tun mit Lehrlingsausbildung, betrieblicher Weiterbildung, internationaler Rekrutierung von Fachkräften was sie können, um ihren Bedarf zu decken.

Der Schlüssel für die Lösung des Fachkräfte bzw. Technikermangels liegt in der Bildungspolitik: die Vermittlung und Förderung technischen Verständnisses schon in der Pflichtschule, die Förderung von Mädchen in technischen Berufen, ein hoher Standard in der Ausbildung im internationalen Vergleich – das würde uns langfristig helfen.

Firmenporträt:
Gebauer und Griller eine internationale Unternehmensgruppe in Familienbesitz, die seit über 70 Jahren hochqualitative und technologisch anspruchsvolle Drähte, Kabel und Leitungssysteme für Anwendungen im Automobil, Aufzug und in der Industrie produziert. Von unserem Stammwerken in Ostösterreich und Tschechien aus expandieren wir in den letzten Jahren stark in Richtung NAFTA und Asien, um dem Bedarf unserer Kunden decken zu können. Mit derzeit etwa 2.800 Mitarbeitern weltweit erwirtschafteten wir im Geschäftsjahr 2013/2014 einen Umsatz von ca. € 390 Millionen.

Vielen herzlichen Dank für die Beantwortung der Fragen.
Rolf Dindorf

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