Demographie-Blog

DGB-Vorsitzender Bezirk West Muscheid schreibt zum demographischen Wandel

Dietmar Muscheid, DGB-Vorsitzender Bezirk West, schreibt heute in einem Expertenbeitrag in der Reihe „Demographie aktuell“ zur demographischen Entwicklung in Rheinland-Pfalz:

Derzeit vollzieht sich eine deutliche Veränderung der Altersstruktur im Land. Die Geburtenraten sinken und die Lebenserwartungen steigen. Nach Berechnungen des Statistischen Landesamtes Rheinland-Pfalz werden 2060 in diesem Bundesland nur noch knapp 3,19 Millionen Menschen leben – etwa 20 Prozent weniger als 2010. Dabei wird der Anteil der Älteren an der Bevölkerung deutlich wachsen. Die Entwicklung wird voraussichtlich nicht einheitlich sein. In einigen Regionen wie Mainz, Landau oder Trier wird sie nach einer aktuellen Studie der Gesellschaft für Sozial- und Marktforschung polis+sinus wachsen, in anderen dafür deutlich zurückgehen. Gleichzeitig wird in den kommenden Jahren die Zahl der Erwerbstätigen insgesamt sinken, während der Anteil der über 55-Jährigen an steigt. Das bedeutet: Auch die Altersstruktur in den Betrieben befindet sich im Umbruch. Bereits heute melden viele Betriebe in Rheinland-Pfalz einen Fachkräftemangel und haben Probleme, Auszubildende zu gewinnen. Angesichts dieses Szenarios wird rasch klar, dass die Bedeutung älterer Arbeitskräfte für die Unternehmen erheblich zunimmt.

Der demografische Wandel wird gerne für Schreckensszenarien genutzt – etwa um Argumente für einen weiteren Abbau des Sozialstaates zu liefern. Er bietet aber auch Chancen: Für Beschäftigung, für innovative Arbeitsprozesse, für eine bessere Balance von Arbeit und Leben oder für eine humane Arbeitswelt. Ältere Arbeitnehmer bringen ein reiches Maß an Wissen und Erfahrung mit, von dem die Unternehmen in hohem Maße profitieren können. Wenn Menschen verschiedener Generationen zusammen arbeiten, kommt das allen zugute. Um diese Chancen zu ergreifen, besteht aber dringender Handlungsbedarf.

So muss sich der Umgang mit den Erwerbstätigen verändern, damit sie auch in der Lage sind, gesund bis zur Rente zu arbeiten. Nur wenn die Arbeitsbedingungen für ältere Arbeitnehmer verbessert werden, können deren Potenziale wirklich genutzt werden.

Bislang werden ältere Menschen auf dem Arbeitsmarkt noch stark benachteiligt. Die Arbeitslosenquote bei den über 55-Jährigen in Rheinland-Pfalz lag 2012 bei 6,2 Prozent und damit deutlich über der allgemeinen Quote von 5,3 Prozent. Ältere Arbeitslose finden deutlich schlechter wieder eine Anstellung als jüngere Arbeitnehmer. Gleichzeitig sind die Investitionen in Fortbildung und Gesundheitsförderung älterer Beschäftigter in den vergangenen Jahren zurückgegangen. Auch bei der Gesundheitsprävention wird für ältere Arbeitnehmer zu wenig getan.

Deshalb muss der Schutz vor körperlichen und psychischen Belastungen am Arbeitsplatz viel mehr in den Fokus gerückt werden. Durch altersgerechte Arbeitsgestaltung und gesundheitliche Prävention muss gezielt auf die Bedürfnisse älterer Arbeitnehmer eingegangen werden. Ein wichtiger Bestandteil dabei ist die Einführung einer Anti-Stress-Verordnung. Psychische Belastungen am Arbeitsplatz müssen im Arbeitsschutz rechtlich genauso behandelt werden, wie physische Belastungen. Außerdem müssen ältere Arbeitnehmer gezielt weiter qualifiziert werden. Auf die Personalpolitik der Unternehmen sollte durch die Einführung einer Bonus-Malus-Regelung für die Einstellung bzw. Entlassung älterer Arbeitnehmer eingewirkt werden.

Ein weiterer Punkt ist die Verbesserung der Beschäftigungschancen von Frauen. Frauen sind immer noch nicht in gleichem Maße im Erwerbsleben vertreten, wie Männer. Das betrifft gerade auch ältere Frauen. Sowohl aus gleichstellungspolitischen als auch aus ökonomischen Gründen müssen deren Chancen am Arbeitsmarkt verbessert werden. Noch immer sind es überwiegend Frauen, die wegen der schlechten Vereinbarkeit von Familie und Beruf, lange Unterbrechungen der Erwerbsbiografien hinnehmen. Häufig von Frauen ergriffene Berufe, etwa in der Pflege oder der Gastronomie, sind schlecht bezahlt. Viele Frauen arbeiten in prekären Beschäftigungsverhältnissen. Deshalb müssen die „typischen“ Frauenberufe aufgewertet werden, die Kinderbetreuung muss auf qualitativ hohem Niveau ausgebaut werden und  Frauen und Männer müssen für gleiche Arbeit auch gleich bezahlt werden.

Um der demografischen Entwicklung zu begegnen, muss auch mehr in die Ausbildung junger Menschen investiert werden. Besondere  Förderung brauchen diejenigen, die keinen Schul- oder Berufsabschluss haben. Angesichts des demografischen Wandels kann es sich dieses Land nicht leisten, dass Jugendliche auf der Strecke bleiben.

Migranten müssen besser in den Arbeitsmarkt integriert werden. Dem Fachkräftemangel muss auch mit grenzübergreifenden Projekten begegnet werden. Dabei dürfen Beschäftigte aber nicht ausgebeutet und benachteiligt werden. Bund, Länder und Gesellschaft müssen sich den mit der Zuwanderung verbundenen Herausforderungen stellen.

Die demografische Entwicklung betrifft nicht nur die Arbeitswelt, sondern ist eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung. Dafür ist auch eine soziale und technische Infrastruktur notwendig, die beispielsweise öffentliche Dienstleistungen, altersgerechtes Wohnen oder den öffentlichen Nahverkehr umfasst. Der demografische Wandel birgt beispielsweise durch das Sinken von Schülerzahlen die Chance für qualitative Verbesserung im Bildungswesen – auch im Bereich der Erwachsenenbildung – wenn die Investitionen  von Bund, Ländern und Kommunen in Bildung nachhaltig verbessert werden.

Sparen ist das falsche Rezept, um dem demografischen Wandel zu begegnen. Das Land muss dringend in Infrastruktur, Bildung und öffentliche Dienstleitungen investieren. Dazu brauchen wir eine Vermögenssteuer, einen höheren Spitzensteuersatz  sowie eine höhere Erbschaftssteuer bei hohen Freibeträgen.

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